19.12.2013, 16:20 Uhr

Graz und Umgebung im Kampf gegen Mobbing

Bei rund 98 Prozent der Betroffenen ist im Falle von Mobbing das Leistungsvermögen beeinträchtigt.
Bei rund 98 Prozent der Betroffenen ist im Falle von Mobbing das Leistungsvermögen beeinträchtigt. (Foto: Bilderbox.at)

GU-Abgeordnete Schenk setzt sich mit einer Grazerin für ein österreichisches Anti-Mobbing-Gesetz ein.

"Jeder fünfte Suizid geht auf Mobbing zurück", warnt Eva Pichler, Gründerin der Mobbing Selbsthilfegruppe Graz. Gemeinsam mit der Semriacher Nationalratsabgeordneten Martina Schenk und einigen betroffenen Personen aus Salzburg verfasste die Grazerin die Petition "Österreich braucht ein Anti-Mobbing-Gesetz".

Aus Schlechtem wird Gutes
"Nach drei Jahren des Mobbings bin ich heute arbeitsunfähig", schildert Pichler. Zwanzig Jahre lang sei sie alleinerziehend gewesen, habe stets gearbeitet. Doch aus der Misere der 43-jährigen erwuchs ein steiermarkweit einzigartiges Projekt: "Ich war verzweifelt, wollte mich einer Selbsthilfegruppe anschließen. In der gesamten Steiermark gab es keine einzige. Also habe ich im November 2012 selbst eine gegründet."

Regierung: "Kein Bedarf"
Es sei unfassbar, dass es keinen gesetzlichen Schutz vor Mobbing gebe: "Es ist sogar ein strafrechtlicher Tatbestand, wenn man jemanden einmal beleidigt... Und abgesehen von den Folgen für das Opfer ist Mobbing auch Ursache volkswirtschaftlicher Kosten."
Die Bundesregierung hält die bestehende Rechtslage jedoch für ausreichend, es bestehe also auch kein Bedarf nach einem eigenständigen Anti-Mobbing-Gesetz: Zu diesem Schluss kam man schon in einem Bericht vom Juli 2010. Doch auch Schenk, die persönlich ebenso "Erfahrungen" mit Mobbing machen musste – eine "Erfahrung", die mit ausschlaggebend für einen Arbeitsplatzwechsel war –, setzt sich weiterhin für das Gesetz ein: "Ich habe einen Antrag auf Durchführung einer Studie eingebracht, welche erstmalig in Österreich Daten erheben soll. Evaluiert werden sollen die Auswirkungen von Mobbing auf die Gesellschaft, der volkswirtschaftliche Schaden und die unternehmerischen Mehrkosten", erklärt sie.

Und was bringt's?
"Die Ahndung von Mobbing würde einen Rückgang der Fälle bewirken", ist Pichler überzeugt. "Mobbing stellt derzeit eine Querschnittsmaterie dar. Die Zersplitterung im österreichischen Recht sollte abgeschafft und Rechtssicherheit für die Betroffenen hergestellt werden. Das Anti-Mobbing-Gesetz sollte außerdem nicht nur 'Strafbestimmungen' enthalten, sondern auch soziale Aspekte der Hilfe und Prävention", so Schenk abschließend.

Drei Fragen an

Martina Schenk, Abgeordnete zum Nationalrat
Inwiefern entsteht durch Mobbing ein wirtschaftlicher Schaden? Betroffene Mitarbeiter können nicht mehr die volle Leistung erbringen. Es entsteht ein Schaden für den Arbeitgeber und Sozialleistungseinrichtungen werden beansprucht.
Warum besteht laut Bundesregierung kein Bedarf an einem Gesetz? Derzeit wird wohl kein Handlungsbedarf gesehen. Deshalb die Studie.
Werden Sie sich auch in Zukunft noch für das Gesetz einsetzen? Natürlich setze ich mich auch weiterhin für die Anliegen der Betroffenen ein.

Drei Fragen an

Eva Pichler, Gründerin der Mobbing Selbsthilfegruppe Graz
In welcher Branche gibt es die häufigsten Mobbing-Fälle? Im öffentlichen Dienst, weil man Beamte nicht einfach kündigen kann.
Wann gibt es die häufigsten Mobbing-Fälle? Mobbing findet jederzeit statt. Ein Anlass ist oft, einen noch bevorstehenden Kündigungsschutz zu verhindern. 
Warum wird überhaupt gemobbt? Mobbing findet aus unterschiedlichsten Motiven statt. Neid, Geltungssucht, Machtstreben, Konkurrenzdruck...

"Mein Vorgesetzter mobbt mich"

Mobbing, Bossing und Staffing: Was bedeutet das eigentlich?
Mobbing kommt nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in Schulen, Vereinen oder der Nachbarschaft vor. Mobbing liegt immer dann vor, wenn ein Täter innerhalb einer sozialen Gemeinschaft die Persönlichkeitsrechte eines Opfers durch psychische und körperliche Gewalt so verletzt, dass das Opfer einen gesundheitlichen und sozialen Schaden nimmt. "Wichtig ist, dass ein Täter-Opfer-Verhältnis vorliegt. Wenn nicht, spricht man nicht von Mobbing", erklärt Eva Pichler und stellt klar: "Mobbing ist kein Konflikt. Mobbing ist kein Kommunikationsproblem und auch kein Streit. Mobbing ist Gewalt pur, Psychoterror pur. Über einen langen Zeitraum ausgeübt, zerbricht jeder Mensch daran. Mobbing-Opfer sind also nicht sensibel oder schwächlich!"
Bei Bossing handelt es sich um Mobbing durch Vorgesetzte oder Führungspersonen: "Also direktes Mobbing durch den Chef." Das Gegenteil hiervon ist Staffing: "Staffing ist Mobbing von unten nach oben, also wenn mehrere Mitarbeiter systematisch und gezielt gegen Vorgesetzte vorgehen und diese mobben. In unserer Selbsthilfegruppe war bisher noch niemand..."

Auswirkungen von Mobbing in Zahlen

Laut Arbeiterkammer ist bei über 98 Prozent der Mobbing-Opfer das Arbeits- und Leistungsvermögen beeinträchtigt. Sie sind weniger motiviert, nervös, verunsichert und misstrauen ihren Mitmenschen. Über vierzig Prozent erkranken infolge von Mobbing, die Hälfte davon für mehr als sechs Wochen.

Wohin bei Mobbing und Ausgrenzung?

Österreichweit kann man sich bei der Mobbing Selbsthilfegruppe Graz melden. Es gibt telefonische Beratung und Beratung per E-Mail, eine Teilnahme in der Gruppe ist nicht zwingend erforderlich. Es gibt keine Gebühren, keine Namenslisten. Man muss nicht regelmäßig kommen und auch eine Voranmeldung ist nicht nötig.
Wann? Freitags um 19 Uhr Wo? Selbsthilfekontaktstelle Steiermark, Leechgasse 30, Gruppenraum 2 im dritten Stock
Kontakt: 0699 190 36 155 oder shg-mobbing-graz@gmx.at
Bei rund 98 Prozent der Betroffenen ist im Falle von Mobbing das Leistungsvermögen beeinträchtigt.
Nationalratsabgeordnete Martina Schenk setzt sich für ein Anti-Mobbing-Gesetz ein.
Eva Pichler, Gründerin der Mobbing Selbsthilfegruppe Graz, spricht über Mobbing und seine Folgen.

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